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GESCHICHTEN - KISTE


Das Köln-Dortmunder Sofa


In Anlehnung an den west-östlichen Diwan habe ich meine neue Geschichte aus der Schublade "Das Köln-Dortmunder Sofa" genannt.

Von Karneval können manche Leute nicht genug bekommen, weder vom Singen, noch vom Feiern, noch vom Zooch. Eines der neueren Karnevalslieder im Ohr wie einen Ohrenkneifer, der beißt und zwickt, bis man die Melodie erst summt, dann pfeift und dann mitsingt: "Ich bin klein, mein Herz ist rein, ich kann das nicht gewesen sein", habe ich in diesem Jahr versucht, mich aus dem Trubel herauszuhalten, was mir bis auf den Rosenmontag auch gelungen ist.

Meine Schwiegertochter Mary überraschte mich einige Tage vor dem Höhepunkt des Kölner Karnevals, dass die Neuhonrather Bläser, bei denen sie Klarinette spielt, für die Kölner Blauen Funken im Kölner Rosenmontagszug mit 32 "Mann" mitgehen. Diese Kapelle mit Pfeifern und Trommlern führe sozusagen den Zooch an und der "Blaue-Funken"-Marsch habe 6 b-chen und die müsse sie noch fleißig üben.
Auf der Suche nach meiner musikalisch-karnevalistischen Schwiegertochter im WDR-Fernsehen habe ich tatsächlich am Rosenmontag von morgens 9 Uhr bis nachmittags den Kölner Zooch beobachtet. Die Blauen Funken und das blau-weiße Trommler- und Pfeifen-Corps zu finden, das war nicht schwierig, sie gingen wirklich als Erste. Es ist mir jedoch nicht gelungen, die zierliche Mary mit ihrer Klarinette auszumachen. Die Fernsehkamera lieferte zwar wunderschöne Bilder aus Richtung Severinstorburg zur Severinsstraße hin gerichtet, aber dass Mary in der 1. Reihe Mitte der Pfeifer marschierte, nach den Trommlern, das habe ich nicht gesehen. Die Trommler verdeckten allein schon längenmäßig die kleineren Pfeifer. Die 6 b-chen, die meine Schwiegertochter extra für den Marsch der Blauen Funken auf ihrer Klarinette tüchtig geübt hatte, sind dadurch im Gedränge untergegangen.


"Ich bin klein, mein Herz ist rein", das war mein Ohrwurm der diesjährigen Session. Woher kenne ich bloß diesen Text? Das war doch ein Gebet, das meine Mutter mit mir abends vor dem Zubettgehen sprach.! Auf welche Ideen diese Karnevalslieder-Fabrikanten heute kommen! Früher sind sicher auch nur solch einfache Texte vertont worden. Diese Lieder sind inzwischen Ohrwürmer geworden, so dass sie als Kölsche Oldies bezeichnet werden und teilweise wie Gassenhauer gesungen und gepfiffen werden können, Karnevalslieder von Karl Berbuer, Toni Steingass oder Lotti Krekel und wie sie alle heißen. Ein Oldie, gesungen von Lotti Krekel, gefällt mir ganz besonders gut, er erinnert mich sehr an meine Omma. Es ist ein ganz zartes Lied, ein Lied voller Zuneigung, gesungen von Lotti Krekel und heißt: Dat ahle Sofa in d'r Kösch dat künnt verzälle.


Ich war noch keine 4 Jahre alt, als meine Mutter sich aufmachte, mit mir Oma Zachert zu besuchen; Oma Zachert war die Mutter meiner Omma, also die Oma meines Vaters, die immer noch in Dortmund in der Adlerstraße wohnte, wo mein Vater geboren worden war. Von Schönau aus waren das zu Fuß gut und gerne dreieinhalb bis vier Kilometer zu laufen. Es fuhr zwar auch eine Straßenbahn in die Richtung, aber bis man von Schönau aus an der nächsten Haltestelle war, musste man einige Berg- und Talwege überwinden und brauchte dazu etwa 15 Minuten.
Ein frohes Lied auf den Lippen zogen wir los und legten nach einigen hundert Metern schon unter der Schnetkerbrücke, über die der Ruhrschnellweg führte, eine Pause ein. Wir mussten Luft tanken für den Aufstieg auf die Bücke. Als wir oben über eine ziemlich zugige und mit Gitterrosten versehene Eisentreppe ankamen, waren wir schon auf der anderen Seite der Brücke und brauchten den Ruhr-Schnellweg gar nicht mehr zu überwinden.
Weiter ging es über den Südwestfriedhof, über Stadtstraßen mit größeren Häusern, vorbei an der Ingenieurschule, wo mein Vater studiert hatte, und dann waren wir auch schon bald da. Oma Zachert war schon sehr alt. Daher öffnete meine Omma, die auch dorthin gekommen war, die Tür. Sie hatte das Essen gekocht. Ich weiß nicht, ob es Thüringer Klöße mit Sauerbraten gab, die meine Omma ganz vorzüglich zuzubereiten verstand. Mein Vater erzählte von starken Armen seiner Mutter - meiner Omma -, die fast bis an die Ellenbogen im Kartoffelteig herumstampften, die die Klöße dann ausformte und bis zur weiteren Verwendung in einem großen Einmachglas auf dem kühlen Balkon aufbewahrte, denn Kühlschränke gab es damals noch nicht.
Also, irgendetwas wird es wohl zum Essen gegeben haben, denn nach dem Essen wollten die 3 Mütter noch etwas plaudern, ich sollte mein obligatorisches Mittagsschläfchen halten und wurde zum Schlafen auf das Sofa gelegt. Doch aus den Gesprächen der drei Frauen wurde nichts, denn das Sofa ließ mich einfach nicht auf sich schlafen. Es war ein ganz straff gepolstertes, hochglänzendes Ledersofa, von dem ich bei der kleinsten Bewegung meinerseits direkt abwärts unter den Tisch kullerte. Die Fallhöhe war auch nicht gering. Und so brüllte ich bei jedem Abrutscher los, meine Mutter sagte, als ob ich am Spieß stecken würde, und ich solle mich nicht so anstellen. Oma Zachert kicherte, lachte. Sie wusste um die Besonderheiten des Sofas. Nur meine Omma nahm mich vom Boden auf und in ihre Arme, um mich zu trösten. Deshalb habe ich meine Omma so gern.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob wir mit der Straßenbahn nach Hause gefahren sind oder auch den Rückweg zu Fuß zurücklegten. Auf jeden Fall hat meine Mutter mir zum Abschluss eines schönen Tages erlaubt, in Schönau auf dem Absperrgeländer zur Kleingartenanlage zu balancieren. Sie gab Hilfestellung, indem sie mir ihre Hand reichte.


Das Straßenbahnfahren war ein Kapitel für sich. Wir wohnten in einem Vorstädtchen von Dortmund, in Schönau, und man hatte einen ganz schön weiten, anstrengenden und im Winter arg rutschigen Fußweg bis zur nächsten Haltestelle Dickmüllerbaum zurück zu legen. Erst musste man den Talenberg hinauf, um dann den nächsten Weg direkt neben dem Kasino wieder runter zu gehen ins Tal der Emscher. Man überquerte dabei den Rüppingsbach, der kurz darauf in die Emscher mündete. Hatte man den nächsten Berg - vorbei an Kleingartenanlagen - hinter sich gebracht, dann hatte man die Haltestelle Dickmüllerbaum erreicht.
Wir fuhren nicht oft mit der Straßenbahn. Meine Mutter erzählte mir, dass sie sogar mit einem langen Abendkleid zu Fuß ins Stadttheater gegangen sei, den langen Rock habe sie mit einem Gürtel hochgebunden. Aber manche Bahnfahrten ließen sich wohl nicht verschieben. Eine Haltestelle nach Dortmund Bahnhof, kurz hinter einer Unterführung der Bahn auf der linken Seite, kaufte meine Mutter in einem Reformhaus regelmäßig eine Tube Vitamin B 12, das war ein leckerer Brotaufstrich. Fuhren wir mit der Bahn weiter, dann bekam Mutti glänzende Augen, denn auf der anderen Seite der Straße stand in einem Schaufenster ein Auto, ein roter Volkswagen. Dieses Auto - man nannte es Kraft durch Freude (KdF)-Wagen - hatte mein Vater angezahlt und hoffte - wie viele Andere mit ihm - es einmal für insgesamt 1.000 Mark sein Eigen nennen zu dürfen. Erst lange nach Kriegsende wurde über die finanzielle Abwicklung entschieden.


"Ich bin klein, mein Herzchen ist rein". Dieses alte Kindergebet verbindet das Sofa meiner Dortmunder Erinnerungen mit dem ahle Sofa in der Kösch der Kölner Oldies, sozusagen die Köln-Dortmunder -Sofa-Entente.

aufgeschrieben am 17.03.2007
von Erika Widdershoven.
http://www.erika.wb3.de
http://www.erikawiddershoven.de






 
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