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Von Omas Dachboden werden bei Internet-Auktionen die interessantesten Dinge angeboten. Die meisten sind arg verstaubt, sie haben die Patina jahrzehntelangen Nicht-Staubwischens an sich kleben. Für die allermeisten Teile findet sich ein Interessent. Aber warum heißt es immer nur Omas Dachboden, hat Opa keinen Platz auf dem Dachboden? Aber nein, er gibt nur viel weniger alten Kram zum Aufbewahren dort hinauf. Was wirklich nicht mehr zu reparieren ist, wird fortgeworfen, alles andere wieder seiner Bestimmung zugeführt. Opa ist eher im Keller zu finden, dort sind seine Schätze zu Haus. Überreste von Baumaterialien, Reparaturwerkzeug und seine Pensionisten-Schreibstube.
In unserem Haus gibt es nur einen Keller, der aber in Ermanglung eines Dachbodens voll gestopft ist mit immer noch Brauchbarem. Abgesehen von den vielen Büchern aus den verschiedensten Haushaltsauflösungen bei Eltern und Schwiegereltern und wieder heim transportierten Sachen der eigenen Kinder, eignet sich solch ein bewohnter Keller auch gut zum Aufbewahren von Blumentöpfen, Christbaumständern, Einmachgläsern - eben für alle größeren Dinge, für die im direkten Wohnbereich kein Platz mehr ist.
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Altertümchen findet man natürlich auch in einem solchen Haus. Am Interessantesten ist die Schublade in meinem - Oma ERIKAs - Nachtschränkchen. Sie ist eine kleine Fundgrube mit Schächtelchen und Tütchen. Hier ein Karnevalsorden, dort ein Kopfhörer vom letzten Flug in den Urlaub, sogar ERIKAs erste Locken in leicht verschossenem Blond, von Mutterhand abgeschnitten, haben hier ein Refugium gefunden.
Was aber birgt dieses Kästchen, etwa doppelt so groß wie eine Streichholzschachtel, ohne Deckel in der hintersten Ecke der Schublade? Anstecknadeln von Verkehrswacht und Gesangverein, Wanderabzeichen, Ansteckschleifchen einer Studentenverbindung (für die Couleurdame). Meine Mutter hatte auch so eins.
Im letzten Eckchen der Schachtel finde ich einen goldenen Ansteckknopf in Form eines Flugzeugs.
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Ach ja, - Erinnerungen werden wach an meine Studentenzeit in Bonn in den Jahren 1956 und 1957. Ich studierte Mathe und Physik auf Lehramt wie wir damals sagten, und war in meinem Semester so ziemlich das einzige Mädchen, das nicht nur zu Anfang bzw. Ende des Semesters die Vorlesungen besuchte. Ich habe bei Nobelpreisträger Prof. Dr. Wolfgang Paul im alten großen Hörsaal der Physik in der Nussallee schon 1957 Vorlesungen gehört. Er war noch ganz jung und versuchte, uns das Foucault'sche Pendel näher zu bringen. Er trug eine helle Jacke aus Popeline, deren rechter Ärmel in der Armbeuge total verknittert war, und schrieb - linke Hand in der Hosentasche - die Ergebnisse an die Tafel, während der Pedell in weißem Kittel das Pendel zum Schwingen brachte. Damals dachte noch niemand an die Erfindung der "Paul Falle" in der Professor Paul einzelne Teilchen gefangen hat, und dafür 1989 den Nobelpreis für Physik erhielt.
Mit meinen Kollegen, Martin und Rudolf, die mit mir auch das Physikpraktikum und andere Vorlesungen besuchten, traf ich mich oftmals abends in Bonn zu intensiven Gesprächen in der KERZE, einer Kneipe, wo man dicht gedrängt saß und diskutierte und den ganzen Abend bei einem Glas Cola mit oder ohne Rum verbrachte, was finanziell gerade noch tragbar war, denn Geld war Mangelware. Rudi half abends in Kinos aus als Filmvorführer, manchmal stellte er auch die Außenreklame von einem auf den anderen Film um. Ab und an bekamen wir von ihm Freikarten. Ich erinnere mich genau: Rififi und Lohn der Angst habe ich jeweils 2x im Metropol gesehen.
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Martin wohnte in der Nähe der Kaffeerösterei Zuntz sel. Wwe. in der Argelanderstraße und schimpfte über den ewigen Röstgeruch der seligen Witwe, der ihn im Sommer bei geöffnetem Fenster sehr störte. Und ich wohnte in der Königstraße, direkt am Bahnübergang.
Mit diesen beiden Kollegen schlenderte ich eines abends über den Kaiserplatz Richtung Münster, als wir von einer Gruppe stattlicher Herren mit Kurzhaarschnitt auf englisch angesprochen wurden, die die Straße "In der Sürst" suchten, weil dort ein besonders gutes Esslokal sein sollte. Leider konnten wir mit unseren beschränkten Ortskenntnissen den Herren nicht weiterhelfen, und sie gingen weiter Richtung Bahnhof. Nach einer ganzen Weile - wir konnten sie schon nicht mehr sehen, da fiel einem von uns die Gaststätte SALVATOR ein, die vielleicht gemeint sein könnte. Kurz entschlossen flitzte los und holte die Gruppe wahrhaftig noch ein. Die Herren - es stellte sich heraus, dass es Amerikaner waren - luden uns überglücklich zum Essen ein, und wir verbrachten einen interessanten Abend zusammen.
Anschließend wollten unsere neuen Freunde noch das Nachtleben von Bonn kennen lernen, aber außer dem TABU, einer Kellerbar in der Nähe des Landgerichts, war uns schon aus finanziellen Gründen kein anderes Lokal bekannt. Auf dem Heimweg zum Hotel KÖNIGSHOF, wo die Amerikaner untergebracht waren, besuchten wir noch das Nachtlokal CARLTON am Friedensplatz, wo man in der ersten Etage ganz gemütlich zusammen sitzen konnte, aber zu welchen Preisen!
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Es wurde schon langsam hell als meine Kollegen und ich jeweils zwei ziemlich angeheiterte Amerikaner Richtung Hotel Königshof schoben. Wir machten noch einen Abstecher auf den Alten Zoll und dann lieferten wir die Herren unbeschadet beim Nachtportier ab.
Ach ja, der Flugzeug-Ansteckknopf. Den trugen die Amerikaner als Delegationsabzeichen an ihrem Jackett, und sie schenkten jedem von uns einen davon. Wir waren sehr beeindruckt, und ich selbst habe bis heute mit niemandem darüber gesprochen: die Amerikaner hatten im Laufe des Abends durchblicken lassen, dass sie am nächsten Tag Verhandlungen mit der Bundesregierung über den Ankauf von amerikanischen Kampfflugzeugen führen würden. Meine Kollegen und ich hatten also ganz zufällig Mitglieder der amerikanischen Delegation kennen gelernt, vielleicht auch Piloten des Lockheed F 104 Starfighter, deren Verhandlungen mit der Bundesregierung letztendlich zum Ankauf dieses Flugzeugtyps geführt haben.
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Haben wir etwa mit der abendlich-nächtlichen Begleitung der Amerikaner durch Bonn einen kleinen Teil Geschichte geschrieben? Wer weiß.
Soviel aus Omas Geschichten-Schublade.
verfasst von Erika Widdershoven
am 25.10.2006
http://www.erika.wb3.de
http://www.erikawiddershoven.de
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